Fake-Profile: Hass-Postings auf Straches Seite sind authentisch

Schutzbehauptungen des FPÖ-Chefs nicht nachvollziehbar Administration weiterhin auf einem Auge blind

Erstellt am 16.12.2012 von Florian Machl
Während Bundeskanzler Faymann bis heute auf echte Facebook-Freunde hofft, lässt H.C. Strache über die Medien ausrichten, dass die aktuellen Hasspostings auf seiner Facebookseite von Fakeaccounts stammen würden. Bei dieser Behauptung scheint der FPÖ-Obmann falsch informiert zu sein. Der Personenkreis, der auf seiner Seite dazu aufruft, muslimische Kinder zu verbrennen und „Tuschen“ [sic] zu erschießen erweist sich bei näherer Betrachtung als ziemlich authentisch. Während die durch den Nationalratsabgeordneten Öllinger (Grüne) publik gemachten Hetzsprüche gut eine Woche nach bekannt werden nicht mehr auffindbar sind, wird in anderen Postings immer noch dazu geraten „die kleinen kinder gleich erschiesen!!“ [sic]. Markant: Der Autor dieser Aufforderung trat schon in der ersten Welle der beanstandeten Postings in Erscheinung. Wenn es um Hassreden und Ausländerfeindlichkeit geht, werden auf Straches Facebook-Seite nachweislich nicht in allen Fällen Sperren ausgesprochen, selbst wenn eine Anzeige wegen Verhetzung und Wiederbetätigung im Raum steht. Gleichzeitig beschweren sich Kritiker und Gegner der Politik Straches, beim Äußern unliebsamer Meinungen sofort einen permanenten Hinauswurf kassiert zu haben.

Leicht hat man es wohl nicht, als Administrator der Facebook-Seite des FPÖ-Parteichefs, wenn man die Dimensionen betrachtet. Zur Zeit hat H.C. Strache über 123.000 „Freunde“ im sozialen Netzwerk – und viele von ihnen sind äußerst kommunikationsfreudig. Als auf dieser Seite am 6. Dezember ein Ausschnitt aus der Kronenzeitung unter dem Titel „Skandal im rot-grünen Wien. Nikolaus wurde Zutritt in Wiener Kindergarten verweigert!“ veröffentlicht wurde [Link 1], haben dort weit über 5.000 Personen ihr „gefällt mir“ hinterlassen. Dass ihnen der Umstand eines angeblichen Nikolaus-Verbotes gefällt, darf bezweifelt werden. Die rund 2.500 Wortmeldungen sprechen eine deutliche Sprache. Zusammengefasst, äußern viele Personen auf H.C. Straches Seite ihre Bedenken hinsichtlich „Überfremdung“, die christliche Kultur werde zurückgedrängt, „bald sind die Österreicher die Ausländer“; die Politik habe die Menschen verraten. Das sind die „höflicheren“ Aussagen. Die weniger freundlichen Wortmeldungen beschäftigten sich unverhohlen mit mutmaßlichen Mordaufrufen gegen Migrantenkinder. Neben einem Auszug aus der Sportpalast-Rede Joseph Goebbels gab es auch „SIEG HEIL“ in Großbuchstaben mit vielen Ausrufezeichen zu lesen. [Bildlink: Screenshots in der Wiener Zeitung]

Strache: Vier oder fünf Fake-Profile

In der Boulevard-Zeitung HEUTE wird Strache am 13.12. wie folgt zitiert: „Die Postings kommen von vier oder fünf Fake-Profilen, das wirkt wie auf Bestellung. Das sind sicher keine H.-C.-Fans.“ Hier dürfte der Parteichef einem Irrtum unterliegen. Medial transportiert wurden die Aussagen von mindestens neun Personen (siehe Screenshot, linke Seite). Einige davon könnten möglicherweise den Tatbestand der Wiederbetätigung, einige den der Verhetzung und einige dem Aufruf zum Mord erfüllen. Angeblich wären entsprechende Anzeigen gemacht worden [Link 2,3,7]. Dabei ist der Titel der von Herrn Öllinger in Auftrag gegebenen OTS allerdings irreführend [Link 4]. Das Goebbels-Zitat stammt von einem der erwähnten Nutzer, die Strache als ihm übelmeinende, ja bestellte Fakeaccounts qualifiziert. Freilich – die vermeintlichen Fake-Accounts sind nicht der einzige Irrtum, der von HEUTE unhinterfragt verbreitet wurde. Denn auch Straches Angabe “Habe mehr Fans als Obama” ist rechnerisch leicht widerlegbar [Link 5]. Die Schutzbehauptung mit den Fake-Profilen wird in einem in persönlichem Stil formulierten Eintrag auf H.C. Straches Seite nochmals wiederholt [Link 6].

Wir haben uns die betreffenden Accounts und ihre Aussagen näher angesehen. Trotz Löschung der entsprechenden Postings waren acht von neun Benutzern so weit zu identifizieren, dass Fakeaccounts eines politischen Gegners mit nahezu hundertprozentiger Sicherheit auszuschließen sind.

Alle “Tuschen” gehören erschossen

Oli R. postete das Goebbels-Zitat. Der junge, üppig tätowierte Boxer aus dem Raum Wien ist seit 2009 auf Facebook regelmäßig aktiv. Bella K., ebenfalls Wien, welche die Ansicht vertritt, dass alle „Tuschen“ erschossen gehören, ist seit September 2009 auf Facebook unterwegs. Karola B. hätte gerne, dass die (einreisenden?) Männer bei der Grenze kastriert und die Frauen sterilisiert werden. Die attraktive Dunkelhaarige facebookt seit 2010 und ist mit einem Künstler aus der Steiermark liiert. Mario M., durchtrainierter Bodybuilder aus Innsbruck, stellte H.C. Strache ein „SIEG HEIL“ auf die Seite. Christian H., auf Facebook seit Juni 2010, „teilt“ so gut wie jedes Posting von H.C. Strache. Er konstatierte, dass die „Scheis moslime“ weg gehören. Franz I., der keine „braunan und behortn“ mag und die Zuwanderer mit Ratten vergleicht, denen es im eigenen „firtel“ zu voll geworden ist, wohnt in Sankt Kanzian in Kärnten. Als Mitglied der Gruppe „I hate islam“ wirkt sein Profil, das Liebe zum Angelsport und zur Natur erkennen lässt, nicht minder authentisch als all die anderen. Sein Posting ist mit heutigem Tag noch auf Straches Seite nachlesbar.

Diskussionsklima begünstigt Auszucker

All diese Nutzer, die nach kurzer Betrachtung ihrer Facebook-Profile im Großen und Ganzen wie „ganz normale Menschen von nebenan“ wirken, haben gemeinsam, dass sie mit ziemlicher Sicherheit real existieren. Dies belegen auch Beobachtungen ihrer Online-Zeiten und ihre Reaktionen auf Freundschaftsanfragen. Mit einigen von ihnen kann man sich problemlos online unterhalten, wenn man das möchte. Die Inhalte der Seiten sind so authentisch, wie bei jedem anderen realen Facebook-User auch. Sie mögen die selben Filme, hören die selbe Musik, “liken” die selben dummen Sprüche und Cartoons wie viele andere Mitmenschen. In Kombination mit der Wahlkampfrhetorik der FPÖ werden diese Personen aber zu sprachlichen Extremisten. Das Klima im Nikolo-Thread auf H.C. Straches Facebookseite führte dazu, dass sich all diese Menschen – und noch viele mehr – zu einer ziemlich drastischen Wortwahl hinreißen ließen, die (bei den meisten) sonst in ihren Facebook-Profilen nachweislich nicht zum üblichen Umgangston zählt.

Bild: Bildzitat / Bildschirmfoto von causa-nostra.com

Diese Aussagen sind trotz angeblich erfolgter Anzeigen und breiter öffentlicher Debatte bis heute online. Der Verfasser des mutmaßlichen Mordaufrufes an Kindern fand sich bereits in der ersten Liste von “Hass-Postern”. Quelle: Bildschirmfoto von Facebook / HC Strache / 17:05 16.12.2012

“Extremisten” nicht gesperrt, Nachrichten teilweise noch online

Brisant ist dabei die Tatsache, dass mehrere dieser Personen von Straches Administratoren nicht geblockt, also dauerhaft vom Schreiben auf seiner Seite ausgeschlossen wurden. Im Gegenteil, im drastischsten Fall äußert Franz K., der mit der Aussage „gleich die moslemischen kinder anzünden!!!“ aufgefallen war, nunmehr die „Meinung“: „die kleinen kinder gleich erschiesen!!“. Nur zwei Minuten später greift die Administration in den Thread ein. Allerdings nicht, um K. zurechtzuweisen, sondern um zu erklären, dass der Heilige Nikolaus aus dem griechischen Myra stammte. Nochmals zwei Minuten später blieb Zeit für den Satz „Wenn wer Schuld hat an solchen Missständen, dann die rot-grünen Behörden in Wien!“. Franz K.s mutmaßlicher Mordaufruf steht hingegen bis heute nur wenige Zeilen darüber. Dass ihn die Administration tatsächlich nicht gelesen haben sollte, erscheint angesichts des Verlaufs dieses Protokolls als höchst fragwürdig.

Sperren für Kritiker

Bei Kritik an H.C. Strache und der Politik der FPÖ wird den Administratoren von Benutzern vorgeworfen, deutlich schneller zu reagieren. Es gibt eine Vielzahl von Berichten über das Löschen kritischer (aber nicht beleidigender) Postings sowie die Sperre der Verfasser. Inzwischen hat sich auf Facebook sogar eine Community namens „I was blocked by HC Strache“ gebildet [Link 8]. Die Meinungsfreiheit, auf welche die FPÖ vor allem bei eigenen Aussagen gerne pocht, scheint durch die Betreiber der Seite mit zweierlei Maß gemessen zu werden. Im NikoloThread wird dies durch die Aussage von S.D. dokumentiert: „Es ist wirklich unglaublich, wie menschenverachtend hier einige ‘Gute, anständige Österreicher’ posten. Meine Kollegin, ‘M.H.’ wurde innerhalb von einer Minute gesperrt, weil sie auf menschenverachtende postings aufmerksam gemacht hat. So funktioniert es ……“

Vergleichbarer Fall führte zu Verurteilung

Es handelt sich nicht um die ersten Vorgänge dieser Art auf der Facebook-Seite des FPÖ-Parteichefs. Auch die Erklärungsversuche dazu sind keinesfalls neu. Erst im September 2012 fällte das Landesgericht Feldkirch ein Urteil in einem vergleichbaren, früheren Fall [Link 9]. Für die Aussage “hoch oben auf die laterne solen (sic!) sie hängen diese scheisswichser” wurde der Verfasser zu einer teilbedingten Geldstrafe von 2.400 Euro verurteilt. Er erklärte seine Tat laut Informationen von “stopptdierechten.at” mit der Tatsache, dass vor ihm bereits andere Poster aggressive Kommentare über Moslems abgegeben hätten. „Dann dachte ich, ich schreibe halt auch so einen Scheiß dazu“.

Denkaufgabe an die Politik: Antworten statt ausgrenzen

Als Autor dieser kurzen Analyse möchte ich mich abschließend dagegen verwehren, dass alle Menschen, die auf H.C. Straches Facebookseite mitdiskutieren, pauschal als Neonazis, Wiederbetätiger oder Rechtsradikale abgetan werden. Die Themen, welche von den Seitenbetreibern dort Tag für Tag angeschnitten werden, emotionalisieren. Man zielt mit voller Absicht auf Dinge ab, welche die Bevölkerung aufregen und bewegen. Die dort vertretenen Menschen radikalisieren sich offensichtlich selbst. Die Methodik besteht darin, der Masse immer wieder aufstachelnde Brocken vorzuwerfen. Irgendwann hat man daraus einen schönen Mob gezüchtet – diese Strategie funktioniert seit tausenden Jahren. Die Politik wäre gut beraten, das Feld in diesen emotionalen Bereichen nicht stets der FPÖ unter H.C. Strache zu überlassen, während man Straches „Freunde“ als geistig zurückgebliebene Rechte abqualifiziert. Wenn Menschen von der Politik keine glaubwürdigen Antworten zu ihren Sorgen und Ängsten erhalten, werden sie eben anfällig auf die einfachen Verlockungen und Versprechungen rechter Strömungen. Denn man geht dort hin, wo einem (vermeintlich) zugehört wird und nicht dorthin, wo man arrogant und abgehoben Beschimpfungen und Ausgrenzung erfährt. Die Stimmung schaukelt sich auf. Gräben, die nicht sein müssten, werden breiter. Ob die FPÖ für irgendeine Frage dieser Menschen tatsächlich Antworten anbietet, darf angesichts der langjährigen Regierungsbeteiligung in Frage gestellt werden, doch dies scheint bereits wieder vergessen zu sein.

Weiterführende Links

Rückfragehinweis

Für behördliche oder Presseanfragen werden Screenshots der behaupteten Sachverhalte sowie Links zu den Profilen der entsprechenden Personen bereitgehalten. Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes haben wir uns dazu entschieden, hier keine Privatpersonen anzuprangern. Sollten sich andere Medien dazu entschlossen haben, liegt dies außerhalb unserer Einflussmöglichkeit.

 


Kategorien: POLITIK

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