Betrugsvorwürfe gegen die für Kanzler-Facebookauftritt verantwortliche Agentur

Online-Entrüstungssturm bereits seit 2005 - es gilt die Unschuldsvermutung

Erstellt am 24.11.2011 von Florian Machl
Gerne veröffentlichen wir auch die Stellungnahme der Firma DIMOCO (externer Link Link)

Seit dem Artikel vom 16. November im Magazin Datum kommen der österreichische Bundeskanzler Faymann (SPÖ) und sein Facebook-Auftritt nicht mehr aus den weitgehend negativen Schlagzeilen heraus. DerStandard recherchierte nach eigenen Angaben, falsche Freunde aus der SPÖ-Zentrale würden Jubelpostings verbreiten (externer Link Link). HEUTE berichtete von gefälschten Leserbriefen aus der SPÖ-Zentrale (externer Link Link), der Kurier legt nach (externer Link Link). Seit Montag dieser Woche wird der Kanzleraccount von tausenden gefälschten Freunden heimgesucht. Wer sie bestellt hat, weiß offiziell niemand. Doch noch ein spannendes Thema verbirgt sich hinter Österreichs momentan wohl berühmtester Facebook-Seite: Wer sind die Firmen, die den Auftritt zu verantworten haben – und warum ist das Internet voll von Betrugs-Vorwürfen gegen eine davon?

Das Magazin atmedia berichtete am 5. August darüber, dass ein Firmenkonsortium, bestehend aus dem SMS-Dienstleister DIMOCO, der Werbeagentur Lucy Marx (eine Marke von DIMOCO) und dem in der Computerspielebranche tätigen Unternehmen skill3D den Zuschlag für den Social Media Auftrag des Kanzleramts erhalten hat. Es ist nur ein kleines Kommentar von Frau Kerstin E. darunter, doch die Neugier ist geweckt: „sehr cool – die Top-Anbieter von Porno-SMS-Nummern ziehen ins Kanzleramt ein„.

„aus bürgernahem Projekt
ist Faymann-Wahlwerbung geworden“

Am 9. August veröffentlichte atmedia ein Follow-up zur Auftragsvergabe: „Was sich hier abgespielt hat, war in höchstem Masse unfair und auch urheberrechtlich bedenklich. Die besten Ideen der einreichenden Agentur wurden zusammenkopiert und in eine ’neue‘ Ausschreibung gepackt. Aus einem ursprünglich tollen, sinnvollen weil bürgernahen Projekt ist Faymann-Wahlwerbung geworden.“ Über Kritik an der Auftragsvergabe berichtete auch DerStandard, wo auch erstmalig die inzwischen vielzitierte Summe von 180.000 Euro genannt wurde. Hier ist auch definiert, dass diese Summe über zwei Jahre hinweg an das Bieterkonsortium fließen soll (externer Link Link). Ohne die umstrittene Auftragsvergabe bewerten zu wollen, die offenbar inzwischen branchenüblich zu sein scheint: Der zweite Teil der Aussage erfüllte sich ab dem 26. Oktober wortwörtlich.

(C) Sebastian Karkus / mit freundlicher Genehmigung

„Willkommen im SMS-Chat“ ist eines der typischen Lockangebote, die seit Jahren über Dienste von DIMOCO verschickt werden. Will man die unerwünschte SMS-Flut stoppen, kommt erst einmal eine Rechnung.

Führender Anbieter für Porno-SMS?

Was aber ist haltbar am Vorwurf, DIMOCO wäre ein führender Anbieter im Bereich von Porno-SMS? Eine kurze Internet-Recherche ergibt Erstaunliches. Der Firmenname wird auf diversen Seiten seit 2005 bis zum heutigen Tag Hand in Hand mit den Begriffen „Abzocke“ und „Betrug“ genannt. Harte Vorwürfe. Das Unternehmen mit Sitz in Brunn am Gebirge verfügt über vielfältige Gewerbelizenzen. Telekomunternehmen, IT-Dienstleistung, Handel mit Computern, Werbeagentur, Beratung. Und, im Kontext nicht ganz uninteresssant, als Inkassoinstitut. Vorweg: Es gilt durchgehend die Unschuldsvermutung. Die Vorwürfe gegen das Unternehmen stammen nicht vom Autor, sondern sind für jeden interessierten Leser im Internet selbst recherchierbar. Mitglieder und Betreiber von Webforen wie Computerbetrug.de, Abzocknews.de kennen die Vorwürfe gegen DIMOCO seit langen Jahren:

Sexy MMS, Flirts und Abofallen

Auf all diesen Plattformen tauchen regelmäßig inhaltlich recht ähnliche Fragen auf: Ich bekomme unerwünschte SMS / Anrufe von einer unbekannten Nummer: ‚Lange nichts von dir gehört! Wie geht’s denn so?‘„. So oder ähnlich wären die eingehenden Standardtexte gestaltet (externer Link Link). Sobald man darauf antwortet oder rückruft, werden saftige Gebühren fällig. Die Antworten der solchermaßen beglückten Handybesitzer werden provoziert, indem ihnen vorgegaukelt wird, dass es sich um ein Abonnement handelt, das man mit der Rückantwort „Stop“ unterbinden kann. Diese Antwort kostet bereits 1,99 Euro, unterbindet aber gar nichts. Wenig stolz auf diese „Serviceleistung“ zeigten sich auch diverse Familienväter, die in Erklärungsnotstand gerieten, als sie der zornigen Frau oder Freundin beichten sollten, wer denn die Aussicht auf „heiße Sex MMS“ an sie verschickt hat.

(C) 20min.ch - Porno Alarm auf dem Handy

Das Schweizer Magazin 20 Minuten Online berichtete über Abzockfallen mit Porno-SMS. Die Spur führte zu DIMOCO. Dort spielt man den Ball an eigene Kunden weiter. (Bildzitat von 20min.ch).

Porno-Alarm auf dem Handy

So betitelte das Schweizer Magazin 20-Minuten-Online ihre Recherche zum Thema Gebührenfalle. Das Thema: Unerwünschter kostenpflichtiger Porno-Spam. Die Spur führte zu DIMOCO (externer Link Link). Ausgezeichnet aufbereitet und mit vielen Bildern garniert wurde die Vorgangsweise zum Beispiel von Sebastian K., der seinen langen Weg vom ersten Abzockversuch (externer Link Link) bis hin zur Lösung (externer Link Link) schilderte. Vorgänge dieser Art scheinen für den gesamten deutschsprachigen Raum (Deutschland, Schweiz, Österreich) wohldokumentiert zu sein.

Namentliche Erwähnungin Berichten des Konsumentenschutz

Auch die Abteilung Konsumentenschutz der Arbeiterkammer äußerte sich bereits im Jahr 2007 deutlich zu der Thematik. In Fallbeispielen wird der Name DIMOCO erwähnt (externer Link Link). In einem weiteren Bericht wird festgehalten, dass DIMOCO bei einem SMS-Dienst für ATV vom Mehrwertkunden unberechtigt den doppelten Tarif abbuchte (externer Link Link).

Wer steckt dahinter?

Bei vielen Berichten über das Unternehmen DIMOCO sammeln sich darunter schnell Benutzerkommentare, die kein gutes Haar an dem Unternehmen lassen (externer Link Link). Auf Benutzerbeschwerden soll sich DIMOCO in der Regel dahingehend äußern, dass nicht das Unternehmen selbst, sondern seine Kunden für die Vorgänge verantwortlich wären. Ein Benutzer des Antispam-Ev Forums namens „Sirius“ hat versucht, dies in einem Fall nachzuvollziehen. Der Urheber des mutmaßlichen Abzock-Versuches wäre eine Firma Aldrin Ltd. gegwesen. Die Spuren des Unternehmens verlieren sich zwischen England, Malta und Deutschland, sie existiert bestenfalls als Postfach. Das Einzige, was stets zu finden war, seien Domains und Telefonnummern gewesen, die – zumindest laut Anwender „Sirius“ – auf DIMOCO selbst als Eigentümer und Urheber hingewiesen hätten (externer Link Link). Weitere sicher nur bedauerlichen Einzelfälle lesen sich beispielsweise so „Auf meiner Swisscom Mobile Rechnung waren beachtliche Beträge vermerkt, welche ich nicht nachvollziehen konnte. Rechnungstext: Service anderer Anbieter. Nummer 83500. Meine Nachforschungen ergaben, dass es sich dabei um die Firma DIMOCO in Zug handelt.“ (externer Link Link).

Facebook-Kompetenzen

Facebook-Kompetenz soll das Unternehmen mit Applikationen bewiesen haben, die beispielsweise über ein scheinbar harmloses IQ-Quiz in eine teure Abofalle lockten (externer Link Link). Bei der hier und weiter oben erwähnten Bob Mobile soll es sich um eine Tochterfirma von DIMOCO Östereich handeln.

Vorwürfe via Google-Suche nachvollziehbar

Die lange Reihe der Vorwürfe kann von jedem Internetnutzer selbständig via Google-Suche überprüft werden. Die ersten Beschwerden dürften um das Jahr 2005 herum aufgetaucht sein, die jüngsten datieren auf Ende des laufenden Jahres 2011. Selbst wenn, wie DIMOCO stets versichert, bloß Kunden – also Drittanbieter – für die Vorgänge verantwortlich wären, stellt sich die Frage, wie dies über mindestens sechs Jahre hinweg Methode haben konnte. Ist es plausibel, dass das Unternehmen DIMOCO so lange Zeit immer wieder an problematische Kunden geraten ist, ohne dem Herr zu werden?

Der richtige Partner für das Bundeskanzleramt?

Gut, DIMOCO macht außer Telekommunikationsdienstleistungen noch viele andere spannende Dinge. Wie die Abwicklung von SMS-Votings. Die Behauptung, DIMOCO wäre für die Abwicklung des Starmania-Votings des ORF verantwortlich gewesen, erwies sich hingegen trotz mehrfachem Quellencheck als Fehlinformation. Der ORF dementiert: der Abwicklungspartner für SMS-Votings war 3united und ist gegenwärtig ATMS. Vielmehr richtig ist, dass DIMOCO innerhalb der Medienbranche für ATV, die Salzburger Nachrichten, die Verlagsgruppe News und die Mediengruppe Österreich tätig war oder ist. Ob mit oder ohne ORF – die Qualifikation im Umgang mit den neuen Medien scheint durch die Kompetenz in der Abwicklung jedenfalls umfangreich gegeben zu sein. Es muss jedoch auch die Fragestellung erlaubt sein, ob ein solchermaßen im Kreuzfeuer der Kritik stehender Betrieb der richtige Partner für ein Bundeskanzleramt ist, das mit seiner Außenwirkung stellvertretend die Interessen der österreichischen Wähler und somit Steuerzahler vertritt.

Viel Erfahrung mit Facebook-Massennachrichten

Über die SPÖ-Nähe des dritten Mitglieds des erfolgreichen Bieterkonsortiums, skill3d, könnte man gesondert diskutieren. Google erweist sich auch hier als sehr informationsfreudig. Ein im vorliegenden Fall relevantes Faktum könnte jedenfalls sein, dass zumindest dieses Unternehmen bereits große Erfahrungen mit dem massenhaften Absenden von Nachrichten auf Facebook gesammelt hat, ohne dass dazu eine klassische Benutzerinteraktion notwendig ist. Wie Horizont.at am 23. August 2011 vermeldete, realisierte das Unternehmen einen Rekord, bei dem 10.000 Maturanten über Funkchips „in vielfältigen Variationen vorbereitete Botschaften posten“ konnten. Insgesamt 1 Million Statusmeldungen sollen so zustandegekommen sein, ohne dass einer der Teilnehmer jemals einen Buchstaben tippen musste (externer Link Link).

Fehl(t)en Kompetenzen in Kommunikation?

Der dazu befragte Community-Experte (z.B. als Kommunikationsleiter für die JoWooD AG), SPÖ-Mandatar in Wieselburg-Land, sowie Träger des deutschen Entwicklerpreises im Communitymanagement, Johann Ertl, sieht die Sachlage wie folgt: „Ohne die grundlegenden technischen Kompetenzen genannter Firmen anzweifeln zu wollen, fällt auf, dass keines der Unternehmen einen dezidierten Background im Sinne von Kommunikation aufweisen kann. Grundlegende Kenntnisse von Forenmoderation und -administration, Userinteraktionen, Firefighting bei durchaus konfliktträchtigen Themen sowie „Opinion Leadership“ in Online Diskussionsplattformen wären möglicherweise wichtiger gewesen, als die Fähigkeit, 10.000 Messages in kürzester Zeit zu verschicken. Ein eklatanter Mangel an Erfahrung und Kompetenz im Umgang mit einem Diskussionsmedium ist beim Projekt „Kanzler-Facebook“ erstaunlich peinlich zu Tage getreten, als versucht wurde, mit einer Masse an billigen Jubel-Profilen „Stimmung“ zu generieren. So funktioniert aber Kommunikation und Argumentation online niemals. Der Imageschaden für das Kanzleramt und die SPÖ sind enorm. Es erscheint sinnvoll, laut darüber nachzudenken, ob das Bieterkonsortium in irgendeiner Form dafür zur Kasse gebeten werden kann.

Es gilt die Unschuldsvermutung

Der Vollständigkeit halber: Alle Vorwürfe gegen die SPÖ wurden von Sprechern, Geschäftsführung und EDV-Leitung dementiert. Ebenso wie DIMOCO über die Jahre hinweg sämtliche Vorwürfe als unzutreffend beschrieben hat, was online ebenso gut nachvollziebar ist wie die zitierten Anschuldigungen. Zudem wurden von einem Sprecher des Bundeskanzlers Unregelmäßigkeiten bei der Auftragsvergabe in Abrede gestellt.

Weiterführende Links

DIMOCO

externer Link DerStandard: Dimoco: Kampf um den Kanzleramts-Etat hat sich gelohnt

externer Link atmedia: Dimoco gewinnt Kanzleramt-Etat

externer Link atmedia: Gestrandete Investition Kanzleramt-Etat

externer Link DerStandard: Kanzler-Sprecher zu Social-Media-Etat: Kein Einspruch der Anbieter
externer Link Werbeplanung.at: DIMOCO ist mit Entwicklung ihrer Kreativagenturmarke Lucy Marx zufrieden

skill3D
externer Link Horizont.at: X-Jam mit Facebook Rekordleistung

Vorwürfe gegen DIMOCO (Auszug)
externer Link 20min.ch: Porno-Alarm auf dem Handy
externer Link Weblog Karkus.net: 88666 SMS-Spam
externer Link Weblog Karkus.net: Gefangen in der Dimoco-Kralle
externer Link Aufgebrachte Userkommentare zu einem Bericht von Telekom-Presse
externer Link Antispam EV: Spam über DIMOCO GmbH
externer Link KTipp.ch: Bob Mobile Abzocke mit Premium SMS
externer Link Verbraucherrechtliches.de: Bobmobile lockt bei Facebook in Vertragsfalle

Pressespiegel Facebook-Freunde-Skandal

externer Link DATUM: Faymanns falsche Freunde

externer Link DerStandard: Faymans falsche Fans kommen aus SP-Zentrale

externer Link DerStandard: Falsche Facebook Freunde können gesetzwidrig sein

externer Link Des Herrn F. falsche Freunderlwirtschaft

externer Link Fan-Invasion auf Facebook: SPÖ übt Schadensbegrenzung

Pressespiegel Leserbrief-Skandal
externer Link HEUTE: Faymanns Freunde schreiben Leserbriefe

externer Link Kurier: Heute: Chefredakteur Ainetter geht

externer Link Kurier: Hunderte gefälschte eMails aus der SPÖ-Zentrale

externer Link DiePresse: Gefälschte Leserbriefe zugunsten der SPÖ: Partei prüft

externer Link DerStandard: Ein Kanzler auf der Suche nach Freunden – Faceman Faymann und das Wurminger-Syndrom

externer Link Kurier: Leserbrief-Affäre: Druck auf Kanzler

Mag. Angelika Feigl
externer Link DiePresse: Erst die Enten dann die Krone – Angelika Feigl steht ungewollt einmal mehr in der Öffentlichkeit

Weitere relevante Links
externer Link DIMOCO
externer Link Lucy Marx
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externer Link Bundeskanzler Werner Faymann auf Facebook
externer Link BKA schlüsselt Kosten auf
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Gerne veröffentlichen wir auch die Stellungnahme der Firma DIMOCO (externer Link Link)

Kategorien: POLITIK

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