Spiegelt das Kanzlerversagen auf Facebook eine generell gescheiterte Politik?

In Zahlen analysiert: mehr als ein Social Media Problem

Erstellt am 27.11.2011 von Florian Machl
Bundeskanzler Werner Faymann erlebte auf Facebook mit seinem am 26. Oktober gestarteten Profil einen herben Bauchfleck. Wenn man die Debatte um Geld und falsche Freunde einmal beiseite lässt, verbergen sich unter der Oberfläche noch ganz andere Probleme. Hat Faymann den letzten Rückhalt bei SPÖ-Mandataren und Basis verspielt?
 
Versagt Bundeskanzler Faymanns Politik nicht nur auf Facebook?

Versagt Bundeskanzler Faymanns Politik nicht nur auf Facebook?

Ein Monat lang hatten die österreichischen Wähler nun Zeit, um die Performance ihres Bundeskanzlers auf Facebook zu beobachten. Das Ergebnis ernüchtert. Rund 4.500 echte „Freunde“ hat das Profil seither generiert. Statistisch betrachtet, mehr als ein Armutszeugnis. Der Bundeskanzler ist neben seiner Funktion als Regierungschef auch Parteichef der SPÖ. Als solcher, so sollte man vermuten, in der eigenen Bewegung von einer Mehrheit unterstützt. Aber ist das wirklich so?

243.462 Mitglieder will die SPÖ am 15.9.2011 noch gehabt haben (externer Link Link). Im Lexikon der SPÖ Steiermark kann man sogar die stolze Behauptung von 500.000 Mitgliedern nachlesen. Digital Affairs definiert die Zahl der Facebook-Nutzer in Österreich mit 2.639.340 (externer Link Link). Roh betrachtet 30% der Bevölkerung – würde man nach Altersgruppen rechnen, wohl eher 40%. Wie kann es also sein, dass ein Parteichef von potentiell bis zu 100.000 Facebook-nutzenden Parteimitgliedern nur 4.500 ausschöpft, wobei vermutlich viele Facebook-„Likes“ nicht einmal diesem Kreis zuzuordnen sind?

Zustimmung der roten Mandatare?

Abgesehen von den Mitgliedern verfügt die SPÖ über eine sehr große Zahl an Mandataren, von der Gemeindeebene aufwärts. Interessant ist hier wohl hauptsächlich die Kommunalebene, da eine Basisverbundenheit von höheren Mandataren in Österreich abseits von Eröffnungen und Zeltfesten generell nur schwer feststellbar ist. Wie viele Mandatare und aktive Funktionäre die SPÖ in Österreich insgesamt hat, ist in Ermangelung von schnell verfügbarem Zahlenmaterial nicht feststellbar. Dass deren Zahl aber deutlich über 4.500 liegen dürfte, ist anzunehmen. Die deklarierten Funktionäre in den Diskussionen auf Faymanns Facebook-Seite kann man hingegen an einer Hand abzählen. Vielmehr finden sich vereinzelt sogar Stimmen, die behaupten, sie hätten Angst vor parteiinternen Folgen, wenn sie sich hier zu kritisch äußern würden. Ob dies ein allgemeingültiger Grund für die geringe Beteiligung bzw. Zustimmung ist, darf bezweifelt werden.

Wo bleiben die Vorfeldorganisationen?

Weiter gedacht, was ist mit dem dem Parteinachwuchs? Ist nicht davon auszugehen, dass die jugendlichen Mitglieder von AKS, SJ, JG – und wie sie alle heißen – durchgehend Facebook-Nutzer sind, so wie in dieser Altersstufe üblich? Am Facebook-Auftritt des Bundeskanzlers ist davon nichts zu spüren. Falls sich aus diesen Organisationen Mitglieder am Facebook-Auftritt eingefunden hätten, sind sie fernab jeglicher statistischen Wahrnehmbarkeit. Weder verteidigen sie Werner Faymann und seine Politik, noch drücken Sie ihre Zustimmung durch den „Like“-Button aus, wenn das Team Bundeskanzler politische Themen zur Sprache bringt.

Am Tiefpunkt der Zustimmung

Der Start am 26. Oktober brachte – trotz damals noch viel geringerer Zahl an „Fans“ eine Zustimmung von 171 Personen zur ersten Wortmeldung. Inzwischen ist ein Tiefpunkt erreicht. Die Gegendarstellung zur DIMOCO-Frage erhielt bislang nur von 8 Personen Zustimmung, obwohl sich die Fans des Kanzlers inzwischen vervierfacht haben.

Die europäische Presse erwähnt im Vergleich gerne eine Person, die politisch einen völlig anderen Weg verfolgt: HC Strache. Dieser hat über 100.000 Fans auf Facebook und auch seine aktuellen Wortmeldungen werden von diesen offenbar gut geheißen. Erst am Freitag, dem 25.11. erzielte er bei einer Aussage zur Schuldenbremse 1.146 Zustimmungsbekundungen via „gefällt mir“-Schaltfläche. Dabei ist festzuhalten, dass die Menschen, welche Straches Profil verfolgen, durchaus differenzieren. Auch Strache hat bei manchen Aussagen nur die vergleichsweise bescheidene Zustimmung von unter 100 seiner „Fans“.

Facebook als Stimmungsbarometer

Dies zeigt auch die Funktionsmechanismen von Facebook auf. Tritt man dort in einen intensiven Dialog mit den Menschen, erhält man schnell und ehrlich ein Stimmungsbild zu seinen Aussagen. Man erfährt, welche Themen den Menschen wichtig sind und welche nicht. Eine Richtungsvorgabe, die bei basisnaher Politik nicht nur wichtig, sondern selbstverständlich sein sollte.

Der Vollständigkeit halber seien auch die hierzulande gerne als vorbildlich zitierten, weil authentischen, Profile von Peter Pilz (ca. 2.450 „Freunde“) und Karl Öllinger (ca. 1.600 „Freunde“), beide von den Grünen, betrachtet. Beide versuchen den Dialog, kommen aber in Zahlen gemessen vergleichsweise eher bescheiden gut an. Während Pilz bei jeder Wortmeldung zwischen 10 und 30 „gefällt mir“ bilanziert, vereinzelt sogar um die 160 Zustimmungen erreichen kann, bewegt sich Öllinger durchgehend auf einem Niveau von unter 10 Zustimmungen.

Fazit: Abbild gescheiterter Politik

Wohlmeinend könnte man also festhalten: Was der Bundeskanzler und sein Team auf Facebook tun, geht am Interesse des österreichischen Wahlvolks völlig vorbei. Doch auch die Beurteilung, dass Faymann und seine Politik inzwischen jeglichen Rückhalt verloren haben, erscheint zulässig. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Und vielleicht sollten sie gerade deshalb manipuliert werden, weil man sich dieser Problematik bewusst war.

Relevante Links

externer Link Bundeskanzler Werner Faymann auf Facebook

externer Link Tiroler Tageszeitung: Falsche Freunde und richtige Internetkultur

externer Link Zeit.de über die aktuelle Anzahl der SPÖ-Mitglieder

externer Link SPÖ-Steiermark über die aktuelle Anzahl der SPÖ-Mitglieder

externer Link Digital Affairs – aktuelle Anzahl von Facebook-Usern in Österreich

externer Link Blog von Marco Schreuder: Was man von Faymanns und Failmanns Social Media Auftritt lernen kann

externer Link Blog von Marco Schreuder: Was man von Faymanns und Failmanns Social Media Auftritt lernen kann


Kategorien: POLITIK

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